FENDER Vintage Modified ´68 Custom Twin Reverb


So, da isser. Endlich. Ich weiß, ich habe im Grunde viel zu lange gezögert, immer wieder kam etwas anderes dazwischen. Vor geraumer Zeit hätte ich mich zwischen einem Twin Reverb mit 85 Watt und einem mit 100 Watt entscheiden können/müssen. Als dritte Option stand ein Original aus den 60er/70er Jahren zur Wahl.
2013 hatte ich mich nach einem Studiobesuch und Einspielung der Aufnahmen mit einer PRS Custom 22 über einen FENDER Twin Reverb Silverface aus den 60ern dem Thema erneut gewidmet und musste feststellen, dass FENDER nur noch den ´65 Twin Amp im Programm hat. Preise für den Amp hatte ich mir schon besorgt und dann dachte ich mir, dass es doch ganz gut passen würde, wenn ich mir den Amp erst 2015, also 50 Jahre nach dessen Markteinführung, kaufen würde, quasi ein 50th Anniversary-Modell. Dann kam alles ganz anders, wobei - den ´65 Twin Reverb habe ich noch nicht abgehakt.

Am 24.10.2013 stöberte ich auf der FENDER HP und sah, dass FENDER in seiner neuen Vintage Modified Serie (die gab es bislang nur bei SQUIER und da auch nur für Gitarren) nun auch einen ´68 Custom Twin Reverb Silverface im Programm hatte. Das ließ mich aufhorchen und ich war auch nicht mehr bereit, wegen der 50 bis 2018 zu warten. Warum aber beim ´65 Twin warten und beim ´68 Twin nicht. Ganz einfach: zum einen waren knappe 1,5 Jahre nicht unwesentlich kürzer, als 4,5 Jahre und zum anderen habe ich zu einem ´65 Twin (Blackface) im Prinzip gar keinen konkreten Bezug, außer, dass der Amp klasse klingt, wovon ich mich anläßlich eines Kneipen-Gigs von Popa Chubby eindrucksvoll überzeugen konnte. Zu einem ´68 Silverface habe ich sehr wohl einen Bezug, eigentlich zwei. Ein FENDER Twin Reverb dieser Baureihe kreuzte Mitte der 70er Jahre erstmals meinen Weg. Dieser Amp sollte damals aber schon weit über 3.000,- DM kosten. Das lag für mich als damals 16 jähriger mit 70,- DM Monatstaschengeld außerhalb meiner Möglichkeiten. Stattdessen wurde es zunächst ein PEARL Twin Reverb Nachbau und gar nicht mal so schlecht. Das war ein Transistor-Verstärker mit schwarzem Bespannstoff (statt silber), ansonsten sah er dem FENDER Twin Reverb aber verblüffend ähnlich.
Später dann ein PEAVEY Mace für 2.600,- DM, der sich noch heute in meinem Besitz oder genauer wieder in meinem Besitz befindet, denn zeitweise hatte ihn mein Bruder. Das war auch viel Holz, aber deutlich weniger als der FENDER. Dieser Silverface Twin Reverb ging mir aber nie mehr aus dem Kopf, ebenso wenig wie der VOX AC 30, den ich parallel zum Twin Reverb hätte kaufen können. Mit dem ´68 Custom Twin Reverb startete ich also ein kleine Zeitreise bis hin zu den Anfängen meines Gitarristen-Daseins. Die Odyssee mit dem VOX AC 30 fand ein Jahr später ihr Ende.

Als ich mit dem Gitarre spielen anfing, da hätte ich mir am liebsten einen MARSHALL-Turm ins Zimmer gestellt. 2 dezidierte Gründe sprachen allerdings dagegen: zum einen war ein Turm finanziell vom Taschengeld nicht zu bezahlen. Zum anderen nahm und nimmt so ein Full-Stack zu viel Platz weg. Schließlich musste ich das eh schon recht kleine Zimmer mit meinem Bruder teilen. Die Alternative wäre gewesen: Bruder raus, Full-Stack rein.
So redete ich mir also ein, dass mir der MARSHALL im Klang zu schrill war und konzentrierte mich auf Combo-Verstärker. Es gab damals zwei Combo-Verstärker, die waren anerkanntermaßen erste Wahl – der VOX AC 30 und der FENDER Twin Reverb. Auch hier das gleiche Problem wie beim MARSHALL-Turm – der Preis.
Damals galten Wattzahlen noch was und so erstand ich Mitte der 70er Jahre meinen PEAVEY Mace (160 Röhren-Watt RMS). Trotzdem hätte ich gerne einen FENDER Twin Reverb gehabt. Doch der war teuer. Der PEAVEY war auch teuer, aber längst nicht so teuer wie der FENDER. Mit der Erfahrung eines Erwachsenen hätte ich damals gewartet, bis ich die Kohle für den FENDER zusammen gehabt hätte. Aber Jugend ist ungeduldig (das Leben ist ja auch sooo schnell vorbei) und das traf auf mich besonders zu.
In den 80er und 90er Jahren verlagerten sich meine Interessen und heute, da ich mich dem Hobby Gitarre wieder mehr widme, kam, was kommen musste. Ich will oder besser wollte ihn immer noch, den FENDER Twin.

Bei ebay gibt es bisweilen ganz interessante Angebote auch für originale Twin Reverbs aus den 60er / 70er Jahren, aber ich bin alles andere als ein Freund von gebrauchten Sachen von Leuten, die ich nicht kenne. Nicht dass das alles Müll wäre. Aber man liest und hört zuviel von versteckten Mängeln, teuren nachträglichen Reparaturen, Fakes etc. und dann der bei mir alles verhindernde Satz: Privatverkauf ohne Garantie oder Rücknahme.
Dann lieber neu. Dafür muss ich dann zwar auf den Vintage-Flair verzichten und 20-30 Jahre warten, bis dass auch mein neuer FENDER Twin Reverb ein Vintage-Amp ist. Was sind dann die heutigen Vintage-Amps? Vintage-Vintage-, Double-Vintage-, Relic-Amps?

Der hier ist ein Reissue Amp und huldigt dem Hype um die alten ´Silver Face´-Modelle. Ich möchte auch keinesfalls ausschließen, dass ich irgendwann meinen Scout einschalte, mir einen originalen, gut erhaltenden und technisch einwandfreien Twin Reverb aus den 60ern zu besorgen. Bislang hat er solche Aufträge mit Bravour erledigt. Ist alles eine Frage der Verfügbarkeit und des Preises und auch die stimmten bis dato.

Vorab noch ein bisschen Historie.
Die Twin Amps der 1950er und frühen 1960er Jahre lasse ich hier mal außen vor.
Die ersten Twin Reverbs waren die sog. ´Blackface´ Modelle, deren Namenszusatz sich von dem schwarzen Bedienpanel ableitet. Debut war 1963. Gebaut wurden diese Modelle bis 1967.
Ab 1968 änderte sich das Design und die legendären ´Silverface´ Modelle lösten die nicht minder legendären ´Blackface´- Modelle ab. Vorlage dieses Twin Reverbs hier ist also ein Exemplar der Spät-Sechziger Jahre.

Zusammen mit der PRS Custom 22 hatte ich da im Ton-Studio eine Paarung, die einfach nur geil klang, nee geil klingt. Für mich war schlagartig klar, dass ein solcher Amp her muss. Leider gab es zu diesem Zeitpunkt nur den ´65 Twin Amp, was ansich kein Nachteil ist. Der Amp ist klasse, keine Frage, aber eben kein ´Silverface´. Skeptiker könnten jetzt die berechtigte Frage stellen, ob die Frontansicht ein Kaufkriterium ist. Natürlich nicht und vielleicht doch. Dieser ´Silverface´ aus den 70ern hat sich in meinem Hirn festgefressen. Mag sein, dass der ´65 besser klingt. Ich werde irgendwann mal auch einen ´65er Reissue antesten und kann nicht ausschließen, dass der irgendwann auch noch in meiner Bude steht. Genauso wie ein VOX AC 30.
Ungeachtet der Tatsache, dass der FENDER Twin Reverb einer der wenigen Amps ist, der mit allen Gitarren klingt (ich kenne jedenfalls keine Gitarre, die über einen FENDER Twin nicht klingt und wenn, dann liegt es mit Sicherheit nicht am Amp) stellte sich für mich die Frage, wer nun wen über sich hinauswachsen lässt - die Gitarre den Amp oder der Amp die Gitarre.

Ein einziges Problem gab es mit dem Amp – die Verfügbarkeit. FENDER hatte ihn auf der eigenen HP zwar angekündigt, aber er war nicht lieferbar. Der MUSIC STORE (1.349,- Euro) wies am Tag meiner Anfrage Ende Oktober 2013 als voraussichtlichen Liefertermin den 31.10.2013 aus. Anfang November war es bereits der 26.12., was bekanntermaßen ein Feiertag ist. Bei THOMANN (1.358,- Euro) sollte der Amp ausweislich schon am 11.11. im Laden sein – ein Karnevalsgag?
Mein Händler hatte das Teil für mich Ende Oktober geordert und informierte mich am – Halelujah - 24.12.2013, dass der Amp eingetroffen sei. Tolle Bescherung. Damit hatte ich den Amp aber noch nicht bei mir daheim. Per Post mochte mir mein Händler den Amp nicht schicken, da die Lieferdienste nur bis 33 Kilo übernehmen. Hier hätte also eine Spedition beauftragt werden müssen. Also war Abholen angesagt. Nun wohnt aber zufälligerweise der Bruder meiner Freundin in Siegen und der wollte zufälligerweise - wie es sich für einen braven Jungen gehört - am Heiligen Abend seine Mutter besuchen. Meine Freundin und ich wollten zufälligerweise auch da hin. Ein kurzer Anruf regelte alles weitere – der Amp kam noch am gleichen Tag zu mir, so dass ich mir selber ein mehr als exklusives Weihnachtsgeschenk gemacht hatte, d.h. der Bruder meiner Freundin fuhr mir den Amp sogar noch bis nach Hause und half auch noch beim Transport in die 4. Etage ohne Fahrstuhl. Der Karton war dermaßen sperrig, dass wir erst auf der letzten Treppe eine wirklich praktikable und kräfteschonende Methode ausgetüftelt hatten, die Kiste nach oben zu karren, ohne uns gegenseitig im Weg zu stehen.
Ausspacken war für den übernächsten Tag (2. Weihnachtsfeiertag) angesagt. Dabei stellte sich heraus, dass der Amp kopfüber eingetütet worden war. Man konnte deutlich lesen ´this side up´ und der Amp stand tatsächlich auf dem Kopf. Das hat ihm aber nicht geschadet – er funktioniert einwandfrei, doch dazu später mehr.

Die Präsentation des FENDER Twin-Amps von lucy-guitar in diesem Forum war seit der Initialzündung Mitte der 70er und der Aufnahmen im Tonstudio mit dem 60s Twin quasi der letzte Anstoß, mir nun endlich den FENDER Twin anzuschaffen. Ende 2007 hätte das auch fast geklappt. Aber da kam mir eine wunderschöne BLADE RH-4 dazwischen und so musste das Projekt FENDER Twin noch ein paar Monate warten. Es folgten diverse FENDER Strats, diverse GIBSON Les Pauls und SGs, eine SQUIER Deluxe Hot Rails Strat, ein LINE 6 Spider Valve, ein LINE 6 Spider Jam, 2 BOSS-Pedale ... und und und. Und immer wurde der FENDER Twin Reverb verschoben. Ich konnte mich selbst nicht mehr leiden.
Aber dann: Im Oktober 2013 war es soweit. Der Amp ward geordert, in Empfang genommen und musste – wie bei lucy-guitar – ohne Fahrstuhl in die 4. Etage geschleppt werden. lucy-guitar wird am ehesten nachvollziehen können, was einem dabei durch den Kopf geht. Das an die 30 Kilo schwere Teil (dabei ist ein Twin Reverb im Extremfall gut 36 Kilo schwer) steht noch nicht in der Wohnung und wird schon verflucht. Das Klangerlebnis macht dann aber alles wieder gut, womit wir zum Soundcheck kommen.

Der Sound ist nicht zuletzt von den verwendeten Lautsprechern abhängig. Gerade beim Twin Reverb liest man immer wieder andere Hersteller-Namen bei der Speaker-Wahl: JENSEN (C12Ns), OXFORD (12T6s), JBL (D-120Fs), UTAH, CTS, EMINANCE und ELETROVOICE.
Bei den Reissue-Modellen hat sich FENDER für keinen der vorgenannten Hersteller entschieden, sondern für CELESTION, konkret G12V70. Über die Recherche weiß ich aber nun, welche Speaker evtl. noch in Frage kommen könnten, sollte ich an dem Sound der CELESTIONs irgendwann mal etwas auszusetzen haben.

Schon bei moderater Zimmerlautstärke erfüllt dieser Amp die in ihn gesetzten Erwartungen. Der Twin ist eindeutig auf Clean gepolt. So gibt es auch keinen Master-Volumen mit zusätzlichem Gain-Regler, mit dessen Hilfe man den Twin recht früh crunchen lassen könnte, sondern pro Kanal lediglich einen Volumen-Regler nebst der üblichen Ton-Sektion (Treble, Middle, Bass) + einem Bright-Schalter, der die Höhen betont. Will man den Twin früh in die Zerre bringen, empfiehlt ich ein entsprechendes Vorschaltgerät, womit sich der Twin durchaus verträgt.

Pro Kanal stehen 2 Eingänge zur Verfügung, wobei Kanal 2 (VINTAGE) zusätzlich über den Reverb-Regler und die beiden Regler für das Vibrato (Speed + Intensity) verfügt. Tatsächlich stehen Reverb und Vibrato aber beiden Kanälen zur Verfügung. Dies war beim Original ´68er Twin anders, da hatte nur Kanal 2 die Effekte.
Kanal 1 (CUSTOM) verfügt über ein modifiziertes BASSMAN Tone Stack, welches die Flexibilität dieses Amps unterstützt und diesen Amp für Vorschaltgeräte/Workstations prädestiniert. Das weist einerseits die Legende zu diesem Amp aus, andererseits hört man das. Ohne Vorschaltgeräte produziert der Twin einen sagenhaft warmen, cleanen, durch und durch harmonischen Sound. Ich habe wirklich kritisch gelauscht, ob ich da irgendwie, irgendwas höre, was mir evtl. vielleicht doch quer geht. Fehlanzeige. Das einzige, was mir quer geht, ist der Umstand, dass ich diesen Amp deutlich leiser fahren muss, als ich es möchte. Wenn ich mal ganz sicher bin, dass meine Nachbarn alle zur gleichen Zeit nicht im Bau sind, werde ich es mal riskieren, ihn weiter aufzudrehen. Ansonsten müsste ich ihn wieder 4 Etagen runter schleppen, ins Auto verfrachten und zum Proberaum karren, wobei ich der festen Überzeugung bin, dass sich dieser Aufwand durchaus lohnen dürfte.

Was mir neben dem betörenden Sound (nicht nur) an diesem FENDER-Amp gefällt, sind die sog. Tilt Back Legs – seitlich montierte Metallstreben, die sich nach hinten klappen lassen, so dass der Amp nach hinten gekippt werden kann, aber nicht umfällt. Ich stelle meinen LINE 6 Spider Valve 112 Combo oder was ich sonst als Combo-Amp mitschleppe, in der Regel auf einen Stuhl o.ä., ganz einfach um näher am Sound zu sein. Was mir unten an den Beinen lang pfeift hört sich anders an, als das, was das Ohr direkt aufnimmt. Außerdem sieht das cool aus, auch wenn es bestenfalls von sekundärer Bedeutung ist.
In der Band werde ich den Amp aber wohl kaum spielen, weil den Nicht-Gitarristen in unserer Kapelle schon der FENDER Hot Rod Deluxe zu laut ist und ich den immer zur Seite drehen muss. Ich erdulde dieses Weibergehabe stoisch und erfreue mich am Sound. Der entschädigt um ein vilefaches.

Was mir nicht gefällt, ist eigentlich gar nicht der Rede wert. Der Amp hat ab Werk eine blaue Kontrollleuchte. Ich mag dieses Blau an und für sich schon, aber dieser Amp bekommt selbstverständlich irgendwann (s)eine rote Kontrollleuchte oder wie es original heißt: Pilot Light Jewel.

Ich könnte mir die Bude mit diesen herrlichen FENDER Combos voll stellen. Auf jeden Fall war dieser ´68 Custom Twin Reverb nicht der letzte FENDER Amp und der letzte Amp ansich schon mal gleich gar nicht.

UVP am Kauftag: 1.783,81 Euro, Ladenpreis am Kauftag: 1.349,- (MUSIC STORE) bis 1.358,00 Euro (THOMANN), Angebot erhalten über 1.290,00 Euro, gekauft im Dezember 2013 für 1.199,- € inkl. Fußschalter und Schutzhülle (Selbstabhöung)

she. auch Test in GITARRE & BASS 06-2014, Seite 106-109

die wichtigsten Eckdaten:

Modell: FENDER ´68 Custom Twin Reverb
Herstelungsland / Baujahr: USA / 2013
Typ: Röhrenverstärker mit Reverb + Vibrato
Röhrenbestückung: Vorstufe: GROOVE Tubes - (4 x 12AX7), (2 X 12AT7) / Endstufe: GROOVE Tubes - (4 x 6L6)
Leistung: 85 Watt
Ohm: 4
Lautsprecher: 2 x 12“ CELESTION G12V70
Kanäle: 2 (Custom + Vintage)
Regelung: CUSTOM Kanal: Bright-Schalter, Volumen, Treble, Middle, Bass - VINTAGE Kanal: Bright-Schalter, Treble, Middle, Bass, Reverb, Vibrato (Speed, Intensity) - Reverb und Vibrato sind für beide Kanäle geschaltet
Gewicht: 29 kg
Anschlüsse: 2 Outputs (1 x für Amp-Speaker, 1 x für Zusatz-Speaker
Abmessungen: 66,4 (B) x 50,46 (H) x 21,9 (T) cm
weiteres Ausstattungsmerkmal: Tilt Back Legs
Zubehör: Fußschalter für Reverb + Vibrato, Schutzhülle

Links:
FENDER USA: www.fender.com
FENDER D: www.fender.de
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