Fender American Series Stratocaster HH


Die Vielfalt an Strat-Modellen, die Fender anbietet ist wirklich atemberaubend. Allein im Online Shop der Firma Thomann warten zur Zeit 285 unterschiedliche Varianten der guten alten Stratocaster auf einen Käufer. Diese stattliche Anzahl hat durchaus das Potential, den einen oder anderen Interessenten an den Rand der Verzweiflung zu treiben. Auf der anderen Seite sollte auch wirklich für jeden Geschmack etwas dabei sein. Die hier vorgestellte American Series Double Fat Strat gehört leider nicht mehr dazu. Weder in der vorliegenden Hardtail-, noch in einer Tremolo Version. Im Jahre 2004 in dieser Version eingeführt, wurde die Produktion bereits im darauf folgenden Jahr wieder eingestellt.

Meine Strat wurde im Jahr 2004 produziert, gehört also zu einer der Ersten. Der Korpus der Gitarre besteht aus Erle. Mittig meine ich unter dem Lack so etwas wie eine Leimnaht erkennen zu können, woraus ich folgere, daß ich hier einen Zweiteiler erwischt habe. Die Gitarre ist in der Farbe Chrome Silver lackiert und besitzt ein schwarzes Pickguard, was ihr, abgesehen vom Palisandergriffbrett des Halses, eine optische Ähnlichkeit zur 25 Anniversary Strat von 1979 verleiht. Nun gehört Silber nicht unbedingt zu meinen Lieblingsfarben. Weder bei Gitarren, noch bei Autos. Allerdings konnte ich die Gitarre zu einem Kurs erstehen, der es mir schwer machte, nein zu sagen. Was mir sonst noch auffällt ist, daß die Strat ein überraschend geringes Gewicht aufweist.

Die Verarbeitung der Strat ist typisch für das Modelljahr 2004, also eher Mau. Im Ernst, auch wenn jetzt ein Aufschrei durch die Fender Fangemeinde (wozu ich mich eigentlich auch zähle) geht, gerade im Jubiläumsjahr der Strat hatte ich den Eindruck, daß Fender die Produktionszahlen noch einmal gesteigert hatte, was sich u. a. in der optischen Holzqualität bemerkbar machte. Meine beiden 2004er US-Modelle, zu der auch diese Strat gehört, zeigen jedenfalls eine merklich schlechtere Qualität als alle meine übrigen Fender aus anderen Baujahren. 2004 war übrigens auch ein Jahr, in dem ich ein unvergessliches Déjà vu Erlebnis hatte. Da wurde im Musikladen um die Ecke eine 70er Classic Strat angeboten, bei der sich Fender dermaßen genau an die damaligen Spezifikationen hielt, daß sogar die deutlich zu große Halsfräsung nachgebildet war. Auf jeder Seite 1 mm Luft und das bei einer Dreipunkt-Verschraubung. Da fühlte ich mich auf einmal wieder jung, wild und sexy wie Anfang der 80er Jahre. Letzteres hat sich dann nach einem Blick in den Spiegel aber schnell wieder gelegt. Wie dem auch sei, irgendwann war die Gitarre sogar verkauft. Würde mich interessieren, ob der Käufer damit glücklich ist. Mag auch sein, daß mich mein genereller Qualitätseindruck trügt. Auch wenn mir jetzt der Ruf des Erbsenzählers anhaftet sind mir persönlich jedenfalls solch gravierende Schlampigkeiten weder bei früheren, noch bei späteren Baujahren aufgefallen.

Doch wieder zurück zum eigentlichen Thema, meiner Strat und deren Verarbeitung. Die Halsfräsung ist auch hier etwas zu groß. Gleichzeitig sitzt der Hals auch leicht schief, was am Abstand der beiden äußeren Saiten zu Griffbrettrand erkennbar ist. Am Griffbrettrand selbst löst sich der Lack leicht ab, was deutlich sichtbar ist und nicht sehr schön aussieht. Ich habe hier versucht, mit etwas flüssigem Sekundenkleber eine Verbesserung herbei zu führen. Leute, macht das besser nicht nach. Funktioniert nicht besonders gut, besonders wenn man sich wie ich bereits in einem fortgeschrittenen Stadium der Tattrigkeit befindet.

Interessant wird es, wenn man sich die Schaltung der Fat Strat betrachtet. Ab dem 2004er Modell wurde die Double Fat Strat mit dem damals eingeführten S1-Schalter im Volume Poti ausgestattet, was der Gitarre eine atemberaubende Flexibilität verleiht. Die Schaltung beiden Ebenden ist auf den beiden unteren Bildern dargestellt. Nicht weniger als 10 verschiedene Grundsounds stehen hier zur Verfügung. Das Beste dabei ist, daß meiner Meinung nach alle ausnahmslos genial klingen. Vom fetten Humbucker Sound bis zum wirklich sehr stratähnlichen Singlecoil-Klang ist alles an Bord. Ich bin immer noch sehr beeindruckt. Die beiden fendereigenen Pickups gehen meiner Meinung nach trotz der sehr bedrohlich klingenden Namensgebung deutlich in die PAF-Richtung und hören sich nach meinem Empfinden sehr gut an. Der Black Cobra an der Bridge-Position Kommt knackig und vintagemäßig warm mit wenig Kompression daher. Dadurch ist er auch im Cleanbetrieb des Verstärkers sehr brauchbar. Das gleiche gilt für den Sidewinder in der Halsposition. Voll und mit viel Bauch ist er für viele Musikstile einsetzbar und verkraftet selbst brutale Verzerrungen ohne zu matschen oder in einem undefinierbaren Soundbrei unterzugehen. Der insgesamt sehr klare und definierte Sound macht dieses Instrument wirklich sehr wendig. Der Einfluß der Hardtail Brücke ist im Vergleich zur Tremolovariante überraschend gering, soweit sich das mangels identischer PU-Bestückung bei meinen anderen Strats beurteilen lässt. Aber selbst im Humbuckerbetrieb hört man den Charakter einer Stratocaster noch deutlich heraus.

Yep, das passt. Auch wenn diese Version der Fender Stratocaster bei Puristen nicht unbedingt Freudenschreie auslöst, halte ich die Double Fat Strat in ihrer Konzeption für gelungen und auch wichtig. Mangelnde Verkaufszahlen führten allerdings zur baldigen Einstellung der Serie. Fender überlies den Markt lieber den Wettbewerbern. Ehrlich gesagt denke ich, daß viel zu wenige Gitarristen wussten, was für ein Schätzchen da in den Lagern der Musikalienhändler schlummerte. Der S1-Schalter ist meiner Meinung nach bei diesem Modell wesentlich besser einsetzbar als in der SSS-Version der Strat, da dort die Klangergebnisse meiner Meinung nach zum Teil sehr dumpf und mumpfig daherkommen. Von der Seite halte ich die Humbucker Strat auch für deutlich vielseitiger. Aber das ist meine persönliche Einstellung und muß nicht unbedingt für Andere gelten. Ebenso wenig kann ich nachvollziehen, weshalb die Hardtail-Versionen wie diese hier oder die Robert Cray Signature Stratocaster wie Blei in den Regalen der Händler liegen. Wie viele von uns schleppen ein Tremolosystem mit sich herum, ohne es überhaupt zu benutzen. Die Suche nach dem authentischen vintage Stratton kann es nicht unbedingt sein, wenn man sich gleichzeitig ansieht, was da pickupmäßig nicht alles ins Schlagbrett geschraubt wird.

Nichtsdestotrotz bin ich, obgleich der schludrigen Verarbeitung, von der American Series Stratocaster HH begeistert und werde sie niemals wieder hergeben. Dabei hätte ich als bekennender Pedant nicht gedacht, daß ich das einmal so von mir geben würde. Falls sich Euch irgendwann die Gelegenheit bietet dieses Modell anzuspielen, solltet Ihr keinesfalls zögern. Es lohnt sich.